Loris Weinreich
Seit 15 Jahren bei buntkicktgut
Syrien: buntkicktgut baut Brücken
WIR schaffen neue Räume
Brücken bauen, das ist ein Grundpfeiler bei den interkulturellen Straßenfußball-Ligen von buntkicktgut. Brücken, die Menschen, Kulturen und Nationen verbinden, Grenzen überwinden und neue Räume schaffen. Wie gerade in Syrien. Der Fußball sorgt dabei für Bewegung. Er schafft eine Grundlage, die vor allem den Kindern und Jugendlichen in dem völlig zerstörten Land neue Räume, Beachtung und Hoffnung gibt. Beachtung durch unsere Street Football Worker, die den Kids in den Straßen und Stadtvierteln auf Augenhöhe begegnen und genau wissen, welche Sorgen und Nöte die Menschen haben. Wie Mahmoud Nasser, der in Damaskus, seiner Heimatstadt, den Ball ins Rollen bringt. Vor zehn Jahren floh er aus Syrien, landete in München und bei buntkicktgut. Er wollte nach dem Sturz des Regimes und dem Ende des Bürgerkrieges in sein Land und helfen – indem er über den Fußball Brücken baut. Wie er es bei buntkicktgut in München gelernt hat.
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WIR bewegen über 2.000 Kinder
Innerhalb von nur wenigen Monaten hat Mahmoud so über 2.000 Kinder in der syrischen Hauptstadt in Bewegung gebracht. Straßen und Plätze wurden vom Schutt befreit, Spielfelder geschaffen und Trainings sowie Spieltage in bisher acht Stadtvierteln gestartet. Auch Schulen sind involviert. „Die Not ist immer noch sehr groß“, sagt Mahmoud, „doch die Kids sind voll dabei und haben tolle Ideen, die uns weiter bringen.“ Immer mehr Jugendliche wollen auch Street Football Worker oder Referee werden, damit Verantwortung übernehmen und ihre zerstörten Stadtviertel neu beleben.
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WIR brauchen DICH
Doch Mahmoud und seine jungen Street Football Worker brauchen finanzielle Unterstützung damit die Trainings und Spieltage kontinuierlich weiter laufen und sich etablieren können. Denn die neu errichtete Brücke soll durch immer mehr Stadtviertel von Damaskus und darüber hinaus gehen – soll immer mehr Kinder und Jugendliche erreichen, bewegen und verbinden.
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Champions League in Damaskus
Die Lebensbedingungen in Syrien sind nach dem Krieg immer noch sehr schwer und prekär – was ja auch der deutsche Außenminister Johann Wadephul vor Ort gerade erst bestätigte. Doch das bremst die interkulturellen Straßenfußball-Ligen von buntkicktgut nicht. In Damaskus rollt der Ball. Unser Koordinator Mahmoud Nasser sorgt in seiner Heimat mit buntkicktgut immer mehr für Bewegung. Hier sein aktueller Bericht:
Im Sommer und Herbst konnten wir in Syrien viele erfolgreiche Aktivitäten umsetzen – trotz der großen Hitze und schwierigen Bedingungen. In insgesamt acht Regionen finden momentan immer wieder Spieltage und Turniere statt. So gab es im Sommer sogar die buntkicktgut-Champions-League-Finalrunde.
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Besonders schön ist dabei, wie sich die Kinder und Jugendlichen durch den Fußball positiv entwickeln – sie lernen Fairplay, Teamgeist und Verantwortung. In Regionen ohne fertige Bolzplätze konnten wir mit der Hilfe vieler Leute vor Ort einfache Spielfelder auf privaten Grundstücken errichten, damit die Kids auf jeden Fall kicken können und auch keine langen Wege haben.
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Für den Winter planen wir nun ebenso Finalrunden in allen Altersklassen. Dazu einen buntkicktgut-Referee-Lehrgang für Jugendliche, bei dem uns ein internationaler Schiedsrichter zur Seite steht und hilft. Sowie eine Fortbildung zum “Street Football Worker”, um unsere jungen Coaches weiterzubilden und weiterzubringen.
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So bleibt unsere Motivation groß. Der Fußball bringt Hoffnung und Gemeinschaft in das Leben der Kinder hier in Damaskus und den umliegenden Regionen. Über 2.000 Kids haben an unseren Spieltagen und Turnieren im Sommer teilgenommen. So soll es weiter gehen. Ein großes DANKE an alle Freunde und Helfer.
von Mahmoud
Dialog auf Augenhöhe
Beim Expertenforum von buntkicktgut in der alten Kongresshalle trafen Politiker und Wissenschaftler mit jungen Fachleuten der interkulturellen Straßenfußball-Ligen zusammen.
München – Am zweiten Tag der Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum von buntkicktgut trafen sich in der alten Kongresshalle 16 Experten, um über die Nutzung von öffentlichem Raum und die Bolzplatz-Situation in München zu diskutieren. Die Moderation übernahmen Özlem Sarikaya (BR-Moderatorin) und Julian Wöhr (buntkicker-Team).
Zum Einstieg und als Grundlage zur anschließenden Diskussion wurden die Ergebnisse einer Feldforschung, die am Tag zuvor von Mete Lüle, Frederik Püls und Loris Weinreich durchgeführt wurde, vorgestellt. Dazu befragten sie an den drei Spieltagen am Tag zuvor (siehe Bericht Seite 8 und 9) Jugendliche zur Situation auf den Bolzplätzen im Hirschgarten, Maßmannpark und Schmellerwiese. Mit Bezug auf ihre Wünschen und Bedürfnissen. Die Studie gab positive wie negative Rückmeldungen wieder. Die Straßenkicker und Straßenkickerinnen hatten dabei sehr konkrete Vorstellungen, was noch verbessert werden müsste, damit öffentliche Räume noch besser auf sie zugeschnitten werden.
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Im Anschluss kamen die Experten zu Wort, zu denen Politiker wie Gülseren Demirel und Daniela di Benedetto genauso gehörten wie Andreas Werner vom FC Bayern München oder die Pädagogin Ruth Schwarzenböck. Am wichtigsten aber: Jugendliche von buntkicktgut diskutierten auf der Bühne und aus dem Publikum heraus auf Augenhöhe mit und forderten auch aktiv ein, ernst genommen zu werden. So entstand nach einer Einstiegsrunde, in der alle auf der Bühne ihre Meinung zu den Ergebnissen der Feldforschung äußern durften, eine sehr lebendige Debatte.
Isi, lebende buntkicktgut-Legende und nah an den praktischen Herausforderungen bei der Gestaltung des öffentlichen Raums dran, setzte beispielsweise ein klares Statement im Namen der Jugendlichen: Sie stünden zu wenig im Mittelpunkt bei der Planung, ihre Anliegen würden nicht beachtet und gesehen. Denn es dauere zu lange, bis Vorhaben umgesetzt würden. Ein grundlegendes Problem: Die Verfahren für neue Sportanlagen, wenn es um Reparaturen oder Verbesserungen geht, müssen oft hart erkämpft werden. Außerdem seien die Prozesse zu langwierig. Damit setzte Isi den Startpunkt zu einer Diskussion über Zuständigkeiten, vereinfachte Prozesse für Jugendliche und auch klare Rückmeldungen seitens der Politik, die Anmerkungen der Kinder und Jugendlichen ernst zu nehmen und mitzunehmen.
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Durch die verschiedenen Hintergründe der Experten und Expertinnen gab es unterschiedlichste Perspektiven auf das Thema, was eine differenzierte Betrachtung ermöglichte. Die Debatte hätte wohl Stunden dauern können, so kurzweilig verlief sie und war dann tatsächlich nach zwei Stunden intensivem und vor allem konstruktivem Dialog auch schon wieder beendet.
Es war eine spannende Diskussion, aus der viele Erkenntnisse mitgenommen wurden: Die Ergebnisse der Feldforschung wurden an die Teilnehmer übergeben. Die Vertreter und Vertreterinnen aus Politik und Stadt haben zugesagt, genau zugehört zu haben und sich künftig für die Belange von Jugendlichen und buntkicktgut mehr einzusetzen. Und die Jugendlichen selbst wollen aktiv und laut bleiben – im Idealfall ohne mit unnötigen Hürden und vor allem Grenzen der Bürokratie konfrontiert zu werden. Sondern stattdessen auf Augenhöhe und mit der notwendigen Ernsthaftigkeit. Das Expertenforum war dafür ein toller Start, denn genau so verlief die Diskussion hier.
von Julian
Bomber Müller
Er ist und bleibt eine Legende. Eine Legende, die das runde Leder so oft und effektiv wie kaum ein anderer Fußballer in der Welt ins Tor beförderte. Eine Legende, die sich so flink, wendig und explosiv durch den gegnerischen Strafraum wirbelte, wie man es von echten Straßenfußballern her kennt. Ein Fußballer und Mensch, der unglaublich viel Herz hatte und Straße in sich trug. Der nach jedem Tor seine Hände in die Höhe riss und ausgelassen jubelte. Und dem jetzt zu Ehren ein Denkmal vor der Allianz Arena errichtet wurde – initiiert von der Kurt-Landauer-Stiftung und dem FC Bayern. Eine Legende, die für immer unsere Herzen erobert hat, die wir nie vergessen werden. Gerd Müller, mit 568 Toren in 611 Pflichtspielen bester Torjäger des FC Bayern, Weltmeister 1974 und unter anderem dreifacher Gewinner des Europapokals der Landesmeister, war im August 2021 im Alter von 75 Jahren verstorben. Ein echter Fußball-Gott und Straßenkicker, der auf den Bolzplätzen von Nördlingen seine ersten Tore schoss, bevor er in München beim FC Bayern der „Bomber der Nation“ wurde.
Weltmeister, Europameister und Buchautor – Lillian Thuram (50) kann mit und ohne Fußball. Auf dem Platz hat er für den AS Monaco, Juventus Turin oder den FC Barcelona gespielt und führte Frankreich 1998 zum WM-Titel. Seit seinem Karriereende 2008 ist er neben dem Platz genauso aktiv – vor allem gegen Rassismus. Bereits 2001 hat Thuram gemeinsam mit französischen Fußballern wie Frank Leboeuf oder Didier Deschamps unentgeltlich und ohne Rechte zu verlangen eine 20-minütige Videokassette gegen Rassismus aufgenommen, die sich speziell an Jugendliche richtete. Von der französischen Regierung wurde Thuram in den Integrationsrat berufen. In dieser Funktion wandte er sich bei den Unruhen in den Pariser Vororten 2005 gegen den damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy, der gewisse Jugendliche aus den Vororten als „Gesindel“ und „Taugenichtse“ bezeichnet hatte. 2008 gründete er die Stiftung „Fondation Lilian Thuram – Éducation contre le racisme“. Im November 2011 wurde im Pariser „Musée du quai Branly“ eine von Thuram kuratierte Ausstellung eröffnet, die sich mit den „Menschenzoos“ und der Zurschaustellung von verschleppten Schwarzafrikanern während der Kolonialzeit auseinandersetzte. Außerdem hat er mehrere Bücher und Graphic Novels veröffentlicht, die sich mit Rassismus auseinandersetzen. Wie sein neuestes Werk: „La pensée blanche“. Unter dem Titel „Das weiße Denken“ ist es gerade auch auf Deutsch erschienen. Während eines Besuchs in München traf er auch mit buntkicktgut zusammen, kickte eine Runde auf dem Dachbolzer vom Bellevue di Monaco mit unseren Kids. Und hatte auch noch kurz Zeit, unserem buntkicker-Reporter Daniel ein paar Fragen zu beantworten.
Herr Thuram, was halten Sie von der Farbe „Bunt“?
Lillian Thuram: Sehr viel. Besonders dann, wenn es um Menschen geht. Menschen aus verschiedenen Kulturen und Nationen, die zusammen kommen und zusammen spielen – wie bei den interkulturellen Straßenfußball-Ligen von buntkicktgut. Diese Vielfalt ist wichtig, gut und bunt. Eine tolle Idee, ein tolles Projekt. Es ist das Wichtigste im Leben, für Erwachsene wie für Kinder, miteinander spielen zu können. Egal welche Nation, welche Kultur oder Geschlecht – das ist wunderbar hier bei euch.
Am Ball sind sie immer noch ein großer Meister. Aber auch außerhalb des Spielfeldes sorgen Sie für Aufmerksamkeit – und zwar als Buchautor. Wie sind Sie auf die Idee gekommen ein Buch zu schreiben?
Das ist nicht mein erstes Buch. Und ich muss zugeben, dass es ein großer Wunsch von mir war, ein zweites Buch zu schreiben. Ich sehe sehr oft, dass die Leute nicht verstehen, dass es eine Historie mit dem Rassismus gibt. Sehr oft höre ich, dass der Rassismus normal sei. Doch das ist er nicht. Mir ist es sehr wichtig zu sagen, dass es eine Historie mit dem Rassismus, der Rassentrennung und den besagten Hautfarben gibt. Es ist eine politische Bewegung. Wenn wir sagen, „wir sind weiß“ oder „wir sind schwarz“, ist es nicht die Realität. Es ist die politische Denkweise, die einen glauben lässt, es sei besser weiß zu sein. Es wäre besser, diesen Rassismus zu beenden – dann hätten wir weniger Probleme.
Dann hätten besonders Jugendliche bessere Chancen?
Rassismus blockiert die Köpfe der Menschen. Und so ist es sehr, sehr wichtig, dass wir bereits Kindern zeigen, dass es Vorurteile in der Gesellschaft gibt. Denn: Jeder von euch kann auch seine Vorurteile über sich und andere haben. Aber man muss sie kennen, um Rassismus zu vermeiden.
Auch im Fußball gibt es Rassismus.
Der Kampf gegen Rassismus ist zäh und langwierig, auch im Fußball. Und da ist die FIFA und sind auch viele andere Fußballverbände bemüht, etwas gegen Diskriminierungen zu unternehmen. Aber genauso müssten sich auch die Fußballprofis selbst gegen Rassismus einsetzen. Sie haben eine Vorbildfunktion, besonders für Kinder und Jugendliche, können da einiges bewegen, damit unsere Gesellschaft bunt wird und bleibt.